Denk ich an Celesio in der Nacht…
…….bin ich um den Schlaf gebracht. So der LAV Baden-Württemberg in einem Anschreiben an die Apotheken dieses Bundeslandes:
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die Fakten sind nun endgültig auf dem Tisch: Celesio mit seiner deutschen Tochter Gehe Pharma Handel GmbH kauft DocMorris, besitzt damit eine Apotheke in Saarbrücken – was gegen geltendes deutsches Recht verstößt – und betreibt ein kettenartiges Franchisemodell in Deutschland. Nicht zu vergessen sind die Aktivitäten der holländischen DocMorris-Versandapotheke, nun auch im Besitz von Celesio, ihre Partnerschaften und Absprachen mit deutschen Krankenkassen und den damit verbundenen Rezepttransfers an unseren Apotheken vorbei nach Holland.
Was wir als ihre Berufsvertretung schon seit geraumer Zeit prophezeien, ist nun bittere Realität. Der ach so verlässliche und nur um das Wohl der Individualapotheke besorgte Großhandelspartner Gehe wird zum knallharten Mitbewerber, zum unerbittlichen Konkurrenten der inhabergeführten freien Apotheke und zum Nebenbuhler bei ihrem Arzt um die Chronikerversorgung der Patienten.
Was sind und waren die Treueschwüre dieses Großhändlers zum deutschen Apothekensystem und zur Individualapotheke wert – alles nur leere Worthülsen! Unter dem gleichen Blickwinkel betrachte ich auch die Briefe an uns Apotheken, an die Verbände und die Politiker zum anstehenden Deal.
Die Hiobsbotschaft ist mehr als ein Schlag ins Gesicht der deutschen Apotheke und seiner Berufsvertretungen. Er ist auch ein Schlag ins Gesicht der Politik, und er ist ein Schlag ins Gesicht des Europäischen Gerichtshofes.
Wir Apotheker sollen bei diesem Großhandel einkaufen, seine Kassen füllen, damit er möglichst schnell seine Konkurrenz auf unserer Handeslsstufe gegen uns aufbauen kann, um uns freie Apotheker damit an die Wand zu drücken, um dann Herrscher auf beiden Handelsstufen sein zu können. Perfider kann eine Strategie nicht sein oder anders ausgedrückt, für wie blöde hält man uns Apotheker eigentlich.
Es ist noch kein Jahr her, dass die Bundesregierung mit großer Mehrheit sich zum Fremd- und Mehrbesitzverbot in einer Abstimmung im Deutschen Bundestag bekannt hat. Des Weiteren bekannte sich die Regierung im zähen Ringen um das GKV-WSG zum Heilberufler Apotheker und zur Individualapotheke vor Ort. Dies alles wird von unserem Partner negiert und konterkariert.
Die Rechtmäßigkeit der Zulassung der DocMorris-Apotheke in Saarbrücken ist dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) zur endgültigen Klärung vorgelegt. Weitere Verfahren, so unter anderem gegen Italien zur Überprüfung des Fremdbesitzverbotes, sind eingeleitet. Hier stellt sich für mich sofort die Frage, ob die europäisch denkende und in diesen Ländern aktive Mutter Celesio nicht Anstifter dieser Verfahren ist? Offenbar wird versucht, die Macht des Faktischen auszunutzen und unter bereits vollendeten Tatsachen Einfluss auf die Politik zu nehmen. Im Übrigen möchte ich an dieser Stelle noch einmal das Urteils des EuGH zum Versandhandel erinnern, das nachher ganz anders aussah als viele erwartet haben. Nur Deutschland hatte dann schon Fakten geschaffen, die nun äußerst schwierig zu korrigieren sind.
Es stellt sich bei mir auch die Frage, was unsere angeblichen Freunde noch so alles im Schilde führen. Will man als nächstes die Apothekenpflicht canceln, die Arzneimittelpreisverordnung stürzen, die Apothekenbetriebsordnung umkrempeln oder sonst noch irgendetwas revolutionieren? Nichts ist mehr so wie es war seit es offenkundig ist, dass diese Firma unser Apothekenwesen total auf den Kopf stellen will. Shareholder-Value lässt grüßen. Was auf der Strecke bleibt, ist der Patient und der mittelständische Unternehmer Apotheker.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich habe diese Zeilen zwischen drei und vier Uhr in der Nacht geschrieben – denke ich an Celesio in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.
Ich will Sie nicht um den Schlaf bringen, ich will Sie aber zum Nachdenken bringen, ob Sie noch hinter den Zielen stehen, für die sich der LAV Baden-Württemberg und ich persönlich auf allen Ebenen einsetzen: Fortbestand von Fremd- und Mehrbesitzverbot, fixe Arzneimittelpreisverordnung, Apo-thekenpflicht, Individualapotheke, Einschränkung des Arzneimittelversand-handels. Und ob Sie gegebenenfalls die zur Verfolgung dieser Ziele notwendigen strategischen Partnerschaften gewählt haben, nicht mehr und nicht weniger.
Mit kollegialen Grüßen
Ihr nie aufgebender
- Fritz Becker -
Am 7. Mai 2007 um 22:43 Uhr
Mir kommen die Tränen, wie besorgt die inhabergeführten Apotheken, mit ihren zum Teil 3 Filial-Apotheken, um mein Wohl als Patient sind. Leider spüre und spiegelt sich dies in meinen häufigen Apotheken Besuchen nicht überall in der Beratungsqualität wieder. Der Apotheker von heute ist doch längst mehr “Unternehmer” und schielt - ebenso wie der GH - nach einer guten Rendite. Bei den Verhandlungen mit den Großhändlern feilschen die Apotheker und Apothekenkooperationen bei den Rabattverhandlungen um jede Stelle hinter dem Komma, da sind sie plötzlich Unternehmer. Die Diskussion von ABDA und Konsorten ist aus meiner Sicht mehr als scheinheilig! So viel (angebliche) Fürsorge um mich als “Patienten” erhalte ich nicht einmal von meinen behandelnden Ärzten. Etwas mehr Wettbewerb würde diesem Sektor sicherlich mehr als gut tun. Ob dazu das Fremdbesitzverbot gleich fallen muß? Darüber lässt sich sicherlich streiten bzw. diskutieren.
Am 8. Mai 2007 um 16:09 Uhr
Es gibt sehr viele Apotheken, welche sehr wohl den Spagat zwischen Beratung und Monetik gehen! Natürlich muss das Geld stimmen und je weniger verdient wird, destso weniger kann man beraten!
Ich bin in einemn Media Markt von einem 14-jährigen Schüler zu einem MP3 beraten worden - der war kompetent! In Sachen Inhalaltionsgerät geht dies eben nicht. Ich erwarte als Mutter schon, dass hier eine kompetente Beratung stattfindet! Ich kann nicht alles billig, billig haben….!
Am 19. Juli 2007 um 09:55 Uhr
[…] Apotheker und ihre Verbände hatten offen Unmut geäußert, weil Celesio den Arzneimittel-Versandhändler DocMorris gekauft hat, womit der Lieferant erstmals in direkte Konkurrent zu den stationären Apotheken tritt. Ob diese “Unmutsäußerungen” auch kartellrechtlich relevant sind, soll nun geprüft werden. […]
Am 14. Dezember 2007 um 10:26 Uhr
[…] Im Handelsblatt versucht der Celesio Chef Fritz Oesterle die Wellen weiter zu beruhigen, die Empörung ebbe ab, “die urspüngliche Emotionalität sei einem nüchternen Blick gewichen”. Dies kann man durchaus mit vielen Stimmen aus dem Markt bestätigen. […]
Am 15. Juli 2009 um 16:39 Uhr
Interessanter Ansatz, der zu verfolgen w䲥.